wolkenfetzen

5Feb/111

Kognitive Latenz

"Nur einen Bruchteil unserer Wirklichkeitsmodelle haben wir explizit genug verfügbar, um eine sprachliche Beschreibung zu geben. Manifest werden Normalitätsvorstellungen vor allem in negativer Weise, als Gefühl der Irritation oder des Erstaunens im Fall der Abweichung. Da das Normale unauffällig ist, bleiben Normalitätsvorstellungen in einem abgedunkelten Raum unserer Kognitionen, der durch das Auffällige, Unnormale immer nur wie mit schwachen Lichtblitzen partiell erleuchtet wird."

(Gerhard Schulze: "Die Erlebnisgesellschaft", 228f.)

(Thomas)

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  1. Blut für die Welt
    oder
    das Sein um des Daseins Willen

    es ist ein göttliches Gefühl
    wenn die Schmerzen beginnen nachzulassen

    man ist so voll
    von Abwehrstoffen
    dass man sich fühlt
    als würde man auf Wolken schweben

    die nicht mehr benötigten
    körpereigenen Schmerzhemmer
    wirken dann wie psychedelische Substanzen

    ——————–

    plötzlich bekommt alles einen Sinn
    man blutet für die Welt
    und fühlt sich wie ein Held

    völlig faul und nutzlos
    liegt man auf watteweichen Wolken

    schwebt so vor sich hin
    und glaubt auf einmal wieder

    ————————

    daran
    dass es gut ist
    genauso wie es ist

    und das nur
    weil es so ist
    wie es gerade eben ist

    weil es da ist
    das Sein als solches

    ——————-

    astreine Akzeptanz

    einfach nur Leben
    und den Sinn im Sein entdecken

    weil es plötzlich nachlässt
    das bittere Gefühl vom Sterbenmüssen

    ————————-

    in dieser Leistungsgesellschaft gefangen
    fühlt jeder sich automatisch schlecht

    wenn er auf die Idee verfällt
    einmal nichts zu tun
    außer sich mal auszuruhn

    ————————-

    doch der Moment
    indem der Schmerz nachlässt
    ist der Moment der Befreiung
    von jeglichem Zwang

    man denkt nicht ans Aufstehn
    schon gar nicht ans Losgehn
    nur noch aufatmen

    atmen
    und sich drüber froin
    einfach atmen zu können

    ————————–

    jeder Augenblick
    indem einem weniger weh tut
    als noch einen Moment vorher
    wird plötzlich zum Genuss

    und so werden alle Augenblicke
    auf einmal schön

    wenn er endlich nachlässt
    dieser unerträgliche Schmerz

    so scheint nur dieser Moment
    der Moment der Heilung
    echtes Heil zu bieten

    wahre Daseinsfroide
    sonst nichts

    ———————-
    ————————

    frag mich ständig

    warum die Loite mit ihren Blähbäuchen
    die Gefangenen inmitten von Kriegsgebieten
    die Gefolterten und Geknechteten

    warum sie lachen
    warum sie leben

    und das auch noch wollen?

    —————–

    während wir
    die wir in unserem Luxus schwelgen
    keinen Hunger und Durst kennen
    und niemals ohne Obdach waren

    während wir Depressionen bekommen
    das Dasein als leer und sinnlos betrachten

    und so viele von meinen Loiten
    die von wahrer Not so wenig wissen
    einfach nur noch sterben möchten

    ———————–

    glaub es liegt daran:

    dass man immer erst merkt
    was man gerade aufgibt
    wenn man dabei ist
    es wirklich zu verlieren

    weil das Dasein hier quasi kostenlos ist
    und keiner mehr darum zu kämpfen braucht
    glauben wir es wäre völlig für umsonst

    ————————

    und trotz all dieser Verzweiflung
    dieses allgemeinen Aufgebenwollens
    sind doch die Wenigsten von uns
    zum echten Harakiri fähig

    lieber essen wir jahrelang
    schleichende tödliche Gifte

    tun tagtäglich Tätigkeiten
    die gegen unseren eigenen Willen verstoßen
    nur um den Tag irgendwie rumzubringen

    ———————————

    tun wir Taten
    die in uns einen Widerwillen hinterlassen
    der sich ausschließlich gegen uns selbst richtet

    bis wir uns nach und nach
    von uns selbst entfremden

    uns verraten vergessen
    verachten und aufgeben

    ——————————-

    so leben wir ein verschenktes Leben
    und vergeben unsere Möglichkeit
    wahrhaft wir selbst zu werden

    töten Moment für Moment
    all unsere Sinne ab

    nur um die zahllosen Augenblicke
    die irgendwie wehtun
    nicht mehr merken zu müssen

    ———————–

    so schlagen wir die Zeit tot
    bis sie viel zu früh ausläuft

    bis er eines Tages aufhört
    der Moment des eigenen Daseins

    und wir zu spät beginnen
    die weggeworfenen Jahre zu bereuen

    ————————–

    wer von uns
    will schon wahrhaft sein?

    wo jeder sich selbst
    auf die ein oder andere Weise
    zu zerstören versucht

    kaum einer
    ist es sich noch wert
    verantwortungsvoll
    mit sich selber umzugehn

    ———————–

    doch sind wir alle
    unsere eigenen Kinder

    und wären nicht dazu fähig
    unseren Kindern das anzutun
    was wir uns selber ständig zumuten

    das merken wir jedesmal
    wenn die Kinder ins Spiel kommen

    ——————–

    nein
    das ist nur für Erwachsene!!!

    heißt doch nur soviel
    wie dass es nicht gut ist

    denn wenn etwas unseren Kindern nicht gut tut
    wie kann sowas dann für uns gut sein?

    ————————

    wir wollen dass sie leben
    und wissen wohl
    wir werden dafür sterben

    und meistens werden wir
    das Wichtigste dabei vergessen haben

    ihnen das Leben zu lehren
    indem wir es ihnen vor leben

    wie könnten wir denn auch?
    wenn wir vergessen haben was es heißt zu leben
    weil wir es gegen Leistung eingetauscht haben

    ——————-

    lebendige Zeit
    die noch niemand tot geschlagen hat
    gibt es seit der Erfindung der Uhren nicht mehr

    unser eigenes Leben
    ist ein anderes geworden

    wir leben nicht mehr aktiv
    noch nicht einmal mehr passiv

    lassen uns töten
    von leblosen Umständen

    das Sein um des Daseins Willen
    scheint irgendwie gestorben zu sein

    ——————————–

    es seie denn ich blute wieder
    und der Schmerz lässt langsam nach


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