5Feb/111
Kognitive Latenz
"Nur einen Bruchteil unserer Wirklichkeitsmodelle haben wir explizit genug verfügbar, um eine sprachliche Beschreibung zu geben. Manifest werden Normalitätsvorstellungen vor allem in negativer Weise, als Gefühl der Irritation oder des Erstaunens im Fall der Abweichung. Da das Normale unauffällig ist, bleiben Normalitätsvorstellungen in einem abgedunkelten Raum unserer Kognitionen, der durch das Auffällige, Unnormale immer nur wie mit schwachen Lichtblitzen partiell erleuchtet wird."
(Gerhard Schulze: "Die Erlebnisgesellschaft", 228f.)
April 16th, 2011
Blut für die Welt
oder
das Sein um des Daseins Willen
es ist ein göttliches Gefühl
wenn die Schmerzen beginnen nachzulassen
man ist so voll
von Abwehrstoffen
dass man sich fühlt
als würde man auf Wolken schweben
die nicht mehr benötigten
körpereigenen Schmerzhemmer
wirken dann wie psychedelische Substanzen
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plötzlich bekommt alles einen Sinn
man blutet für die Welt
und fühlt sich wie ein Held
völlig faul und nutzlos
liegt man auf watteweichen Wolken
schwebt so vor sich hin
und glaubt auf einmal wieder
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daran
dass es gut ist
genauso wie es ist
und das nur
weil es so ist
wie es gerade eben ist
weil es da ist
das Sein als solches
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astreine Akzeptanz
einfach nur Leben
und den Sinn im Sein entdecken
weil es plötzlich nachlässt
das bittere Gefühl vom Sterbenmüssen
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in dieser Leistungsgesellschaft gefangen
fühlt jeder sich automatisch schlecht
wenn er auf die Idee verfällt
einmal nichts zu tun
außer sich mal auszuruhn
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doch der Moment
indem der Schmerz nachlässt
ist der Moment der Befreiung
von jeglichem Zwang
man denkt nicht ans Aufstehn
schon gar nicht ans Losgehn
nur noch aufatmen
atmen
und sich drüber froin
einfach atmen zu können
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jeder Augenblick
indem einem weniger weh tut
als noch einen Moment vorher
wird plötzlich zum Genuss
und so werden alle Augenblicke
auf einmal schön
wenn er endlich nachlässt
dieser unerträgliche Schmerz
so scheint nur dieser Moment
der Moment der Heilung
echtes Heil zu bieten
wahre Daseinsfroide
sonst nichts
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frag mich ständig
warum die Loite mit ihren Blähbäuchen
die Gefangenen inmitten von Kriegsgebieten
die Gefolterten und Geknechteten
warum sie lachen
warum sie leben
und das auch noch wollen?
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während wir
die wir in unserem Luxus schwelgen
keinen Hunger und Durst kennen
und niemals ohne Obdach waren
während wir Depressionen bekommen
das Dasein als leer und sinnlos betrachten
und so viele von meinen Loiten
die von wahrer Not so wenig wissen
einfach nur noch sterben möchten
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glaub es liegt daran:
dass man immer erst merkt
was man gerade aufgibt
wenn man dabei ist
es wirklich zu verlieren
weil das Dasein hier quasi kostenlos ist
und keiner mehr darum zu kämpfen braucht
glauben wir es wäre völlig für umsonst
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und trotz all dieser Verzweiflung
dieses allgemeinen Aufgebenwollens
sind doch die Wenigsten von uns
zum echten Harakiri fähig
lieber essen wir jahrelang
schleichende tödliche Gifte
tun tagtäglich Tätigkeiten
die gegen unseren eigenen Willen verstoßen
nur um den Tag irgendwie rumzubringen
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tun wir Taten
die in uns einen Widerwillen hinterlassen
der sich ausschließlich gegen uns selbst richtet
bis wir uns nach und nach
von uns selbst entfremden
uns verraten vergessen
verachten und aufgeben
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so leben wir ein verschenktes Leben
und vergeben unsere Möglichkeit
wahrhaft wir selbst zu werden
töten Moment für Moment
all unsere Sinne ab
nur um die zahllosen Augenblicke
die irgendwie wehtun
nicht mehr merken zu müssen
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so schlagen wir die Zeit tot
bis sie viel zu früh ausläuft
bis er eines Tages aufhört
der Moment des eigenen Daseins
und wir zu spät beginnen
die weggeworfenen Jahre zu bereuen
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wer von uns
will schon wahrhaft sein?
wo jeder sich selbst
auf die ein oder andere Weise
zu zerstören versucht
kaum einer
ist es sich noch wert
verantwortungsvoll
mit sich selber umzugehn
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doch sind wir alle
unsere eigenen Kinder
und wären nicht dazu fähig
unseren Kindern das anzutun
was wir uns selber ständig zumuten
das merken wir jedesmal
wenn die Kinder ins Spiel kommen
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nein
das ist nur für Erwachsene!!!
heißt doch nur soviel
wie dass es nicht gut ist
denn wenn etwas unseren Kindern nicht gut tut
wie kann sowas dann für uns gut sein?
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wir wollen dass sie leben
und wissen wohl
wir werden dafür sterben
und meistens werden wir
das Wichtigste dabei vergessen haben
ihnen das Leben zu lehren
indem wir es ihnen vor leben
wie könnten wir denn auch?
wenn wir vergessen haben was es heißt zu leben
weil wir es gegen Leistung eingetauscht haben
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lebendige Zeit
die noch niemand tot geschlagen hat
gibt es seit der Erfindung der Uhren nicht mehr
unser eigenes Leben
ist ein anderes geworden
wir leben nicht mehr aktiv
noch nicht einmal mehr passiv
lassen uns töten
von leblosen Umständen
das Sein um des Daseins Willen
scheint irgendwie gestorben zu sein
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es seie denn ich blute wieder
und der Schmerz lässt langsam nach